Ansprache anlässlich der Eröffnung der Ausstellung
A. P. GÜTERSLOH und ELISABETH TATENBERG
am 15. uni 1980

Liebe Künstlerin,
Verehrte Gäste,
Ich möchte Sie, auch im Namen meiner Frau, herzlich willkommen heißen zu unserer 46. Ausstellung, die dem Altmeister der Wiener Schule Albert Paris Gütersloh, dessen Arbeiten wir bereits 1969 einmal gezeigt haben, sowie der Malerin Elisabeth Tatenberg gewidmet ist. Lassen Sie mich Ihnen zunächst die junge Hamburger Künstlerin vorstellen. Ihre biographischen Daten werden Sie bereits aus der ausliegenden Liste ersehen haben. E. T. tritt heute mit dem größten Teil hier gezeigten Buntstiftzeichnungen und Bildern erstmalig an die Öffentlichkeit. Zwar hat sich schon ein kleiner Kreis von Sammlern um sie gebildet, aber die erste Gesamtausstellung ist doch immer ein besonderes Ereignis, ein Wagnis für den Künstler. Ich glaube freilich, dass es an der Zeit ist, diesen Schritt zu tun, weil E. T. aus dem Stadium des Experimentierens hinausgewachsen ist und ihre Arbeiten sich der Kritik stellen können. Hat sie doch künstlerisch eine Phase erreicht, wo sozusagen das Selbstgespräch mit den Bildern nicht mehr genügt, sondern ins Zwiegespräch mit dem Betrachter einmünden muss.
Erst so erweist sich, ob das Biographische, das hier kristallisiert ist, durchsichtig, zeichenhaft werden kann für andere, und in welchem zeitgeschichtlichen Zusammenhang ihre Arbeiten stehen. Dieser Frage wollen wir uns zum Schluss noch zuwenden.
Die frühesten hier gezeigten Bilder von E. T. stammen von 1976, dem Jahr als sie sich entschlossen hatte, als freie Malerin zu arbeiten. Es sind drei Bilder mit dem fliegenden Fisch, den Ballonfahrern und den Drachenfliegern. Diese drei Bilder sind nicht nur biographisch gesehen Schlüsselbilder, sie lassen auch schon eine ganz bestimmte Bildwelt erkennen. Man mag diese, das Flugerlebnis umkreisenden Bilder deuten als ins Bild gesetzte, jugendliche Träume. Offenbar versucht E. T. bei dieser die Symbolik des Traumes in die Wirklichkeit projizierenden Bildern die Erfahrung des Schwebens, der Schwerelosigkeit und des ‚Entrücktseins’ in ihren verschiedenen Aspekten zu erfassen, zugleich aber geht es der Künstlerin, wie Bildtitel andeuten, um ein ganz anderes Thema: nämlich den Aufbruch des Menschen zu neuen Ufern. Dieser Aufbruch wird mit mythischen Bildern und religiösen Metaphern umschrieben, der in den Himmel entschwebende Ballon, das berstende Ei, „Ichtys“ der lebendige Fisch, das Geheimzeichen für Christus. Es ist eine Welt des Staunens und der Hoffnung, in der das Wunder noch möglich ist; aber es ist eine gläserne, eine zerbrechliche Welt, in der das Noli me tangere („Berühre mich nicht“) des auferstandenen Christus gilt. In diesen Bildern wird nicht nur eine mystische Welt beschworen, sondern ein Stück Selbsterfahrung wird hier reflektiert und konsequenterweise fortgeschrieben.
Was in den ersten, noch mit zarten Farben gemalten Bildern gleichsam programmatisch anklingt, die Möglichkeit, dem Transzendenten Raum zu gewähren und es subjektiv erfahrbar zu machen, wird in den folgenden Fensterbildern, wenn ich sie einmal so nennen darf, noch schärfer artikuliert. Aus der Enge eines dunklen Raumes, in den der Betrachter versetzt wird, blickt er wie durch ein Fenster hinaus in eine lichte Weite. Der tief empfundene Gegensatz von Diesseits und Jenseits ist das Thema dieser fast asketisch wirkenden Bilder, die nicht auf einzelne Dinge hinweisen, sondern ähnlich einem Meditationsbild den Betrachter auf sich selbst lenken sollen. Was hier noch wie eine leere Bühne erscheint, wird in dem Bild mit dem Titel „Der Hof der Irren in der Todesstunde Francisco Goyas“ szenisch belebt. Es ist gleichsam eine surreale Hommage à Goya: ein imaginärer Raum, zu Stein erstarrte Gestalten, ein stummer Chor von Gefangenen vor der offenen Pforte, die ins Nichts führt. (Dieses Bild von 1978 war ursprünglich für die Ausstellung Hommage à Goya im Kunsthaus Hamburg bestimmt.)
In den jüngsten Bildern von E. T. wird nun sozusagen der Schritt ins Freie vollzogen. Der Betrachter steht nicht mehr am Boden und schaut verwundert nach oben. Sondern er blickt gleichsam aus dem schwebenden Ballon hinüber zu den Bergen, die sich aus den Wolken erheben; ferne Hochgebirgslandschaft tut sich auf, kühle und Einsamkeit umfängt ihn. Aus der Sicht gleichen die Bergriesen dunklen Inseln, an denen der Betrachter wie in einem Traumschiff vorüberzieht. Das Schiff, das hier mit voll gesetzten Segeln über den Himmel fährt, könnte visionär gemeint sein. Es ist förmlich eine alte religiöse Metapher für die Seele des Menschen, die der Heimat zustrebt. Auf einem der Bilder scheint es rückwärts zu fahre, Zeit und Raum hinter sich lassend, um zurückzukehren zum Ursprung.

Im Gegensatz zu den Ölbildern von E. T., in denen sich eine ganz eigene, romantisch geprägte Bildwelt offenbart, erscheinen ihre Buntstiftzeichnungen auf den ersten Blick wie naturalistische Studien. Dieser Eindruck trügt freilich. Zwar führt uns die Künstlerin ganz dicht an die Dinge der Natur heran, zugleich aber sucht sie die Distanz zu ihnen. So weiß man nicht, was man bei diesen Blättern, die wie ein botanisches Album erscheinen, mehr bewundern soll, die sinnliche Präsenz der Dinge oder die Sparsamkeit der Mittel, die strenge Bildauswahl, bei der das Detail für das Ganze steht. Diese so lebendig wirkenden Blumen und Früchte erscheinen in ihrer Vereinzelung zugleich als Objekt, die der Natur entrissen sind, als liebevoll bewahrte Fundstücke.
Überscheuen wir das bislang noch schmale Werk der Künstlerin, so lassen sich deutlich zwei Bereiche erkennen, denen sich die Malerin verpflichtet fühlt, dem subjektiven, traumhaften, ins Surreale weisende Erlebnisraum einerseits und der genauen Naturbeobachtung und – beschreibung andererseits. Beide Bereiche sucht sie in ihrer Bildwelt zu verbinden. Fragen wir zum Schluss noch nach den kunstgeschichtlichen Bezügen im Werk von E. T., so stellen wir fest, dass sie einer Künstlergeneration angehört, der die formalen Errungenschaften und Tendenzen, welche die Maler der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts geprägt haben, nicht mehr genügen. Sie findet ihre Vorbilder im 19. Jahrhundert, in der Malerei der Romantik und des Symbolismus. Der Titel ihres Ölbildes „Treffen mit C. D. F. am Watzmann“, das auf Friedrichs Bild in der Nationalgalerie zurückgeht, klingt wie ein Bekenntnis. Dieses jüngste Bild von 1980 ist nicht nur als Kunstzitat gemeint, sondern als Vision einer unversehrten, reinen Landschaft. Es ist ja kein Zufall, dass die Natur in ihrem romantischen Verständnis als eine total, dem Menschen gegenüber stehende Größe heute unter dem Aspekt ihrer Gefährdung ins Blickfeld der Künstlerin gerückt ist.
Ich glaube, wir dürfen auf ihren weiteren Weg gespannt sein.